Was zeigt das Waldarchiv?

In der Langzeitdokumentation zeigen wir Fotovergleiche von Wäldern und Einzelbäumen und dokumentieren damit Veränderungen im Laufe der letzten 20 Jahre.

Der Schwerpunkt dieser Dokumentation ist die Veränderung von Wäldern durch Luftverschmutzung und Klimawandel. Der Begriff „Waldsterben“ wird dabei nicht (nur) für die klassischen Waldschäden benutzt, sondern es geht um die Gefährdungen der Waldökosysteme durch anhaltenden „Stress“ (Stress-Hypothese): Stress durch Luftschadstoffe wie Ozon (Schadstoffbelastungen sind leider nach wie vor zu hoch) und Stress durch den Klimawandel, dessen Ursache ebenfalls in der Luftbelastung begründet ist (s. Texte).

Wir haben im Laufe der Jahre zahlreiche Wälder fotografiert und wußten zunächst nicht, ob, wo und wie sich – schnelle oder kontinuierliche – Waldschäden zeigen werden. Die meisten Entwicklungen haben uns überrascht. Ohne das alte Bild hätten wir viele Veränderungen nicht wahrgenommen.

Die Erinnerung, wie ein Wald vor einem oder mehreren Jahren ausgesehen hat, trügt oft. Haben schon Bäume gefehlt und wenn, welche? Wie sah die Baumkrone aus? Es ist also kein Wunder, daß „durchsichtige“ Baumkronen und aufgelichtete Bergwälder von den meisten Menschen als „normal“ angesehen werden – solange der Wald „grün“ ist.

Nicht jeder Wald, nicht jeder Baum zeigt sichtbare Schäden. Schadstoff- und Klimabelastungen wirken verschieden, je nach Art, Alter, Vitalität und individueller Empfindlichkeiten des Baumes, und nach den Standortbedingungen (Wasser- und Nährstoffversorgung, Bodenstruktur, PH-Wert und Exposition). Selbst Baumindividuen in einem Bestand reagieren unterschiedlich.

Die unterschiedlichen „Empfindlichkeiten“ dienen dem Schutz der interspezifischen und der intraspezifischen Biodiversität. Damit steigt die biologische Wahrscheinlichkeit, dass nach jeder Belastung noch zufällig angepasste „Stammeltern“ für Neubesiedlungen übrig bleiben.

Ältere Bäume sind stärker betroffen als jüngere – sie sind den Belastungen länger ausgesetzt. Sechzig oder achtzig Jahre sind aber für die meisten Baumarten kein hohes Alter. Der Begriff „überalterter Bestand“ für einen Wald kommt aus der forstlichen Nutzung, nicht aus der Wald-Ökologie. Man meint damit das „hiebreife“ Alter, aber auch die fehlende Naturverjüngung (meist durch Wildverbiss) in den Bergwäldern.

Ein weiteres Phänomen der Luftbelastungen macht sich bemerkbar: Bäume wachsen heute schneller. Mit den hohen Stickstoffeinträgen auf alle Flächen werden auch die Wälder „gedüngt“. Einige Standorte sind uns schnell zugewachsen – da sieht man den (fotografierten) Wald vor lauter jungen Bäumen nicht mehr.

Der Klimawandel steigert die Brisanz erheblich.

Viele Wälder haben sich so schnell verändert, dass wir sie nur anhand der alten Bilder wieder erkennen – vor allem nach den heftigen Stürmen der letzten Jahre. Die meisten dieser Sturmwurfflächen wurden schnell geräumt.

Andere Wälder lichten sich langsam auf – sie verlieren große Bäume.

Es handelt sich bei den fotografierten „Auflichtungen“ in Wäldern also nicht um reguläre Holznutzungen, sondern um (langsame oder schnelle) Wald- und Baumverluste durch Umwelteinflüsse. Die Bäume fallen um - oft sieht man noch die liegenden Stämme. Die größeren kahlen Flächen entstehen durch anschließende „ Katastrophenhiebe“ und „Räumungen“.

Einen Schwerpunkt unserer Dokumentation bilden Bergwälder in den bayerischen und Allgäuer Alpen. Doch es gibt auch Beispiele von Wäldern im Flachland, von Bergwäldern in den Inneralpen und Mittelgebirgen sowie von Einzelbäumen.

Wir dokumentieren:

„Klassische“ Waldschäden

Schon zu Beginn der 1980iger Jahre waren die Wälder der Hochlagen der Mittelgebirge - vor allem durch Schwefeldioxid (SO2) - schwer geschädigt und starben auf großen Flächen ab. Das war der Auslöser für die Debatte über das Waldsterben. Die vergifteten Wälder wurden beseitigt – große Kahlflächen entstanden. Die Frage „War hier mal Wald?“ kann man am besten mit alten Fotos beantworten.

Kronenverlichtungen

Der Kronenzustand der Waldbäume gibt Auskunft über die gesundheitliche Verfassung der Bäume. Bei den offiziellen Waldschadenserhebungen wird der Kronenzustand (Kronenverlichtung und Vergilbung von Nadeln und Blättern) von Stichprobenbäumen als Hinweise auf die Vitalität der Wälder ermittelt. Die Bundesländer und das BMVEL (Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz) veröffentlichen die Ergebnisse im jährlichen Waldzustandsbericht (und in den Länderberichten). Diese Proben-Bäume gehören nicht zu unserer Fotodokumentation.

Da man den Kronenzustand im Wald durch die Fotovergleich nicht richtig sichtbar machen kann, haben wir viele Einzelbäume - vor allem freistehende Eichen und Buchen - in Zeitreihen fotografiert. Die Bäume haben wir mit Fachleuten und „spontan“ ausgewählt. Bei vielen dieser Bäumen sieht man deutliche Kronenverlichtungen:

Die Blätter sind zu klein, manchmal verformt,

die Bäume verlieren Blätter im Sommer.

Zweige und Äste sterben ab (manchmal auch ganze Kronenteile).

Die Krone wird kleiner statt größer.

Neue Krankheiten

Neben den Stresssymptomen wie Kronenverlichtungen zeigen sich auch neue Krankheitsbilder: Neue oder bisher selten in Erscheinung getretene Krankheitserreger profitieren vom Klimawandel, während die Bäume sehr gestresst reagieren. Die Bäume sind dauerbelastet und werden deshalb schneller krank.

Ein Beispiel für diese Krankheitsbilder sind die „Phytophtora“-Infektionen an Eichen, Buchen oder an Erlen. Verwandt mit der „Kartoffelfäule“ vermehren sich die Erreger verschiedener Phytophtora-Arten nun auch an Waldbäumen.

Sturmwürfe

Sturmwürfe gab es in den Wäldern schon immer. Aber jetzt treffen häufigere und stärkere Stürme auf bereits geschwächte Wälder. Die chronischen und latenten Schäden der Bäume (z.B. durch Reduzierung der Wurzelmasse) führen dazu, dass Wälder viel empfindlicher auf die Folgen des Klimawandels reagieren. Geschwächte Bäume fallen Stürmen leichter zum Opfer. Deshalb zeigen wir Vergleiche von Sturmwürfen. mehr...

„Borkenkäfer-Bäume“ (Fichten)

Vor allem Bergwälder sind durch Ozon, andere Immissionsgifte und den Klimawandel „gestresst“. Borkenkäfer befallen die vorgeschädigten Fichten, weil sie „attraktiv riechen“ und ihre Abwehr (durch Harz) geschwächt ist. Der Vorgang entspricht den natürlichen Prozessen im Ökosystem Wald. „Unnatürlich“ ist dabei nur die extrem große Anzahl „befallener“ Bäume, und sie scheint weiter zu steigen.

Noch vor 25 Jahren spielten „Borkenkäferschäden“ im natürlichen alpinen Verbreitungsgebiet der Fichte kaum eine (ökonomische) Rolle – es war zu kalt und zu feucht. Seither nahm nicht nur die Ozonbelastung zu, sondern auch die Temperatur. In den Alpen stiegen die Temperaturen mehr als doppelt so stark an wie im weltweiten Durchschnitt - um etwa 2°C. Das bedeutet für Tiere und Pflanzen nicht nur einen Zwang, sich in die Höhe auszubreiten, sondern – z.B. für den Buchdrucker (eine Unterfamilie der Borkenkäfer) - auch eine Möglichkeit, sich bis zur oberen Waldgrenze kräftig zu vermehren.

Den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung, Klimawandel und Waldsterben behandeln wir in einem Hintergrundtext (Waldzustand).

Damit nicht alles düster scheint, zeigen wir neben der Vergleichsdokumentation auch wirklich schöne Waldbilder: „Bergwälder der Alpen“.

Diese Bilder zeigen auch, wie wichtig ernstgemeinter Klimaschutz ist. Wir hoffen sehr, dass wir in ein paar Jahren zu diesen Bildern nicht ähnliche Vergleiche fotografieren müssen.